Review: Cro – tru.

Cro ist tot. Oder legt die Maske ab. Oder so. Um die Bedeutung des Videos „Baum“ rankten sich einige Theorien. Tatsache ist: Der Cro auf „tru.“ klingt wie ausgewechselt, hat aber keine seiner Qualitäten eingebüßt. Im Gegenteil, er hat sich neue zugelegt und vorhandene verfeinert. „tru.“ ist dieses Magnum Opus, von dem jeder Künstler träumt und mit dem aktuell niemand gerechnet hätte. Dieses Album, bei dem man ins Grübeln kommt, ob es so etwas wie das perfekte Album doch gibt und es vielleicht sogar dieses ist. Dieses „persönlichste Album“, von dem man immer in Interviews hört, das man aber selten so zu Gesicht bekommt. Und all das von dem sorglosen Dorfjungen, der bornierten HipHop-Patrioten die Zornesröte ins Gesicht treibt, wenn er ihrem Genre zugeordnet wird.

Komisch eigentlich, denn die unbeflissene Leichtigkeit, mit der Cro seine Zeilen präzise auf dem Beat platziert, ist vorbildlich. Er rappt derart unbeschwert, als kommuniziere er 24/7 in Reimen auf dem 4/4tel-Takt und hätte nie etwas anderes gemacht. Blitzsaubere, aufeinander abgestimmte Reime jagen einander, werden aber nicht aufgeregt in Szene gesetzt. Sie sind nur ein wohlklingendes Mittel zum Zweck. In Sachen Raptechnik ist Cro nichts anzukreiden, im Gegenteil: Er macht das mit einem weitaus größeren Selbstverständnis als die meisten seiner Kollegen, so ist es eine Wonne, ihm zuzuhören. Ob nun gerade gerappt oder gesungen. Der gesamte Stimmeinsatz hat mittlerweile eine derart große Bandbreite, dass jeder Beat einer riesigen Spielwiese gleicht. Mal wird nur eine Zeile verschmitzt betont, mal glaubhaft emotional, mal kehlig geschrien – alles sitzt wie angegossen.

Handwerkliche Fingerfertigkeit beweist Cro auch als Produzent: Die Beats, deren atmosphärisches Spektrum sehr weit reicht, sich aber zu einem unglaublich gut aufeinander abgestimmten Ganzen zusammenfügen, sind brutal detailliert ausproduziert. Die Präzision, mit der Cro als Beatbastler vorgegangen ist, lässt alles, was er bisher an Veröffentlichungen vorzuweisen hat, alt aussehen und jeden hauptberuflichen Produzenten vor Neid erblassen. Jede Stellschraube wurde millimetergenau kalibriert, jeder Ton sitzt perfekt. Dabei kommt nie das Gefühl auf, dass hier etwas zu glatt geschliffen oder kaputt konzipiert wurde. Stattdessen wurden Außeneinflüsse durchdacht verarbeitet und aufs eigene Schaffen maßgeschneidert.

Auch die durchdachten Texte punkten trotz ihrer verkopften Herangehensweise mit jugendlicher Lockerheit. Die Bodenständigkeit, mit der Cro seinen Werdegang bis hin zum Dasein als steinreicher Superstar wahrnimmt, ist ebenso sympathisch wie authentisch. Die eigene Charakterisierung als Freigeist mit dem Kopf in den Wolken ist sympathisch und passt zu dem jungen Schwaben. Auch mit der eigenen Zukunft und dem Tod wird sich auf fast philosophische, aber in sich sehr klare Weise befasst. Einzig Cros Suche nach der perfekten Frau, die einen Löwenanteil des 17 bzw. 20 Songs umfassenden Albums ausmacht, ist ein streitbares Thema, hat er doch eine arg verquere Vorstellung. Dieses unrealistische Streben macht es aber gerade spannend. Stimmt alles, ist sie zu perfekt und somit langweilig. Flirtet er sie an und sie flirtet zurück, macht sie das zur Slut. All das thematisiert Cro auf originelle Art und Weise, etwa indem er sich seine Traumfrau am Computer zusammenbastelt, nur um sie anschließend zu hacken und von dannen zu schicken, da er die Idylle nicht erträgt. Das wirkt aber nicht hochnäsig, eher kauft man ihm die Verlorenheit auf der Suche Wort für Wort ab.

Spannend sind auch die Brücken, die Cro zwischen einzelnen Songs schlägt. So ist „Unendlichkeit“ etwa die logische Konsequenz aus dem vorhergegangenen „Baum“, erwähnte Songs über die Suche nach der Richtigen geben erst im Zusammenspiel wirklich Aufschluss über sein Dilemma. Die Stringenz, die sich sowohl musikalisch als auch inhaltlich durch „tru.“ zieht, ist beeindruckend. Die Gastbeiträge, die neben Cro allesamt – selbst Wyclef Jean – erblassen, sind zwar nett, wären aber nicht einmal nötig gewesen.  Selten schafft es ein Album, über eine derart lange Spieldauer durchweg zu begeistern. „tru.“ schafft es. Weil hier alles stimmt. Cro schöpft mit diesem Album sein Potential voll aus und zeigt sowohl Rap- als auch Popdeutschland, wie eine Kombination aus überlegtem Perfektionismus und unverkrampfter Lockerheit aussehen soll – und was sie möglich macht.

Kritik mit freundlicher Genehmigung von rap.de und Skinny

Musik und Bild von Chimperator Productions und Cro

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